Architektur muss brennen [oder eben halt auch nicht]
Es geht um Dekonstruktivismus und Frank O’Gehry. Das Prüfungsthema ist mutig gewählt, denn er weiß, dass ich Joshua Prince Ramus richtiger und wichtiger finde als Gehry: Mit dem Kunden Formen und Funktionen entwickeln, statt ihm eine Vision überzustülpen. Deshalb habe ich schließlich seinen 2009-TED-Talk übersetzt.
Aber bei Präsentationsprüfungen geht es nicht vorrangig um die Kritik eines Themas, sondern um seine Umsetzung. Meta works.
Es geht los mit einen Zitat. Das könnte schiefgehen, es ist ein langes Zitat, aber es sind Worte, die den Raum füllen, und die Basis schaffen. Mehr als eine Minute vorlesen geht immer schief. Basis hin oder her.
Wie beschissen die 70er Jahre waren, kann man auch aus den verklemmten Architekturprojekten lesen. Die Umfrage und Gefälligkeitsdemokratie lebt hinter Biedermeierfassaden. Wir aber haben keine Lust, Biedermeier zu bauen. Nicht jetzt und zu keiner anderen Zeit. Wir haben es satt, Palladio und andere historische Masken zu sehen. Weil wir in der Architektur nicht alles das ausschließen wollen, was unruhig macht. Wir wollen Architektur, die mehr hat. Architektur, die blutet, die erschöpft, die dreht und meinetwegen bricht. Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt und unter Dehnung reißt.
Architektur muß schluchtig, feurig, glatt, hart, eckig, brutal, rund, zärtlich, farbig, obszön, geil, träumend, vernähend, verlernend, naß, trocken und herzschlagend sein. Lebend oder tot. Wenn sie kalt ist, dann kalt wie ein Eisblock. Wenn sie heiß ist, dann so heiß wie ein Flammenflügel.
Architektur muß brennen.
© COOP HIMMELB(L)AU, ARCHITEKTUR MUSS BRENNEN (1980)
Im Vorfeld haben wir besprochen, zu experimentieren. Exerimentieren passt zum Thema: Das Dekonstruktivistische greifbar zu machen im Detail. Es kann Störungen verursachen, sage ich, sie werden Ihnen nicht zuhören, während sie bauen. Aber sie werden verstehen, worum es geht. Der Plan ist, ein Tablett mit Baumaterial herumzugeben.
Dazu alle 60 Sekunden eine Regieanweisung. Wir sind eine kleine Gruppe, das passt.
In PowerPoint können Sie Folien, die Sie nur für sich benötigen, als Notiz, ausblenden. Die Folien werden dennoch in der Folienübersicht oder der Referentenansicht angezeigt. Input nur für Sie. Keynote ist hier leider eine Handbreit zu gründlich: Ausgeblendet ist ausgeblendet. Auch Sie sehen nichts.
Ihre Entscheidung, sage ich. Ihr Windows oder mein Mac? Er entscheidet sich für meinen Mac (gut, keine unnötigen Umbauten). Er wird die Folien Weitergeben einfach rot einblenden. Good enough quality ist fast immer gut genug.
Und es lohnt, und es funktioniert. Zitat, Handgreifliches, Folien, Erklärungen, Weiter. Und ja, wer baut, hört nicht zu, aber keiner baut länger als eine Minute. Choreographie und Regieanweisungen. Analog und Digital. Show and Tell. Es ist wie immer der Genremix, der die richtige Spannung erzeugt.
Am Ende steht das Gegenzitat zum Anfang: Architektur kann, aber sie muss nicht brennen. Die 80er gehen langsam ihrem Ende entgegen.
Fade to grey. (Aber das ist schon mein innerer Monolog. Meine Studierenden kennen die 80er nur noch als ironisches Zitat.)
Den erbaulichen Rest stelle ich im Büro zur digitalen Anschauung noch einmal mit der alten Videocam nach. Inklusive Griff zum Wegwerfen des Dekonstruktivismus. Reduced to 1 MB.